• Roland

Ein “Anti-Facebook” bauen - so fördern digitale Beteiligungsplattformen Information statt Emotion

Facebook, Twitter & Co. prägen unsere Vorstellung von Kommunikation im Internet. Leider orientieren sich auch viele Partizipationsplattformen an diesen Vorbildern. Dabei verfolgen digitale Beteiligungsplattformen vollkommen andere Ziele als die Social Media Giganten. Die wollen Interaktion durch Emotion - in der BürgerInnenbeteiligung geht es um konstruktive Zusammenarbeit. Entsprechend muss eine Plattform für BürgerInnenbeteiligung anders designt sein als die “Vorbilder” aus dem Silicon Valley. Ein entscheidender Punkt ist dabei die informierte Debatte.


Social Media und Konstruktivität geht selten zusammen - viel Haltung, wenig Kommunikation ist das Motto. Das ist kein Zufall. Die Strategie der großen Plattformen lautet: möglichst viel Werbung ausspielen. Dies geht nur, wenn die Menschen sich lange auf der jeweiligen Plattform aufhalten.


Das wirkungsvollste Mittel, Menschen an den Bildschirm zu fesseln, ist die Erregung von Emotionen. Beiträge, die Freude, Wut oder Trauer erwecken - egal ob Verschwörungstheorie oder Katzenvideos - erzeugen Interaktion und werden von den Plattformen belohnt. Sie werden viel öfter in die Newsfeeds der User gespült als Beiträge, die auf einer faktischen Ebene agieren. (mehr zu diesem Thema finden Sie unter anderem in einem exzellenten Vortrag von Frank Rieger vom CCC, den Sie hier nachhören können)


Eine konstruktive Diskussion ist auf Twitter & Co. so gut wie unmöglich. Denn der Dialog mit Konsensfindung ist langwierig und rational - also das Gegenteil von emotional. Die Plattformen sind dazu nicht designt.





Das alles wäre kein Problem, wenn Plattformen mit anderen Zielsetzungen anderen Regeln und anderen Designs folgen würden. Im Feld der digitalen Partizipation ist das leider viel zu selten der Fall. Häufig werden Funktionen von Facebook, Twitter & Co kopiert - mit all ihren Schwächen bezüglich der konstruktiven Diskussion. Das Ergebnis: keine oder unkonstruktive Diskussionen auf der Plattform. Das Verhalten aus Social Media wird importiert.


Der Anfang erfolgreicher digitaler Beteiligung: eine informierte Diskussion


Aber wie macht man es besser? Einen digitalen Raum zu entwickeln, der konstruktives Verhalten fördert und belohnt ist komplex. Diverse Aspekte müssen beachtet werden und es ist häufig auch ein Balanceakt in unterschiedlichen Spannungsfeldern. An dieser Stelle soll es um einen zentralen Punkt gehen, der sofort einleuchtet und doch immer wieder missachtet wird - die Förderung einer informierten Diskussion.


Wie es nicht geht, weiß jeder. Ein Blick auf Social Media reicht: Ein User teilt einen Link und eine Diskussion oder besser gesagt ein Streit entfacht sich obwohl kaum jemand den Artikel unter dem Link gelesen hat. Stattdessen wird die Überschrift und ggf. Die Unterzeile in das eigene Weltbild eingeordnet und die Meinung entsprechend abgegeben. Wenn jemand anderer Meinung ist, wird diese nicht konstruktiv aufgenommen sondern in den meisten Fällen ignoriert oder (emotional)angegriffen. Schnell wird es dabei auch persönlich.


Eine informierte, konstruktive Diskussion sieht anders aus. Das dies bei Facebook & Co. häufig nicht passiert, liegt natürlich auch an den Usern selbst. Dennoch spielt das Plattformdesign eine wichtige Rolle. Es ist nicht auf die Zusammenarbeit ausgerichtet sondern auf maximalen Traffic und Interaktion - entsprechend geht es diesen Plattformen um Emotion, nicht um Information.


Wie baut man einen digitalen Ort der informierten Diskussion?


Eine anderes Ziel haben Beteiligungsplattformen wie die von Civocracy. Hier ist ein zentrales Ziel, dass Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven ins Gespräch kommen. Und die informierte Diskussion ist eine der Hauptbestandteile wenn nicht der wichtigste Punkt in dieser Aufgabe. Aber wie erreicht man eine informierte Diskussion und noch viel schwieriger, wie kann ein Plattformdesign zu einer informierteren Diskussion beitragen?


Diese Frage, die im ersten Moment trivial klingt, ist eine der am häufigsten übersehenen Punkte aller Beteiligungsplattformen. Zu oft werden schlicht die gewohnten Diskussions- oder Kommentarfunktionen auf einer Seite implementiert in der Hoffnung, dass das reicht. Es reicht nie. Unsachliche, destruktive oder sogar aggressive Diskussionen mit schwindenden Teilnehmerzahlen sind die häufige Folge.


Entsprechend lohnt es sich, sich eingehend Gedanken darüber zu machen, wie eine digitale Beteiligungsplattform und deren Module designt werden müssen, um den konstruktiven Austausch zu fördern.


Grob gesagt besteht eine informierte Diskussion aus zwei Teilen, die jeweils eigene Anforderungen stellen.

  1. Die Diskussion erhält einen Rahmen - also am besten eine konkrete Fragestellung, ein Thema und eine Eingrenzung.

  2. Die Teilnehmer haben einen Überblick darüber, was andere Teilnehmer denken, was bereits gesagt wurde und welche Ideen oder Problemstellungen schon erläutert wurden und Teil der Diskussion sind.


Rahmen setzen


Der Startpunkt jeder Diskussion ist die Rahmensetzung. Also die Frage, was ist Gegenstand der Diskussion, wer startet sie und wer nimmt teil. Wann beginnt die Diskussion, wann endet sie und was soll mit den Ergebnissen geschehen.


Diese Informationen sind so entscheidend für den weiteren Verlauf der Diskussion, dass es nicht reicht, sie einfach nur bereitzustellen. Wenn sie durch das Plattform Design nicht auf besondere Art hervorgehoben werden und stattdessen leicht zu übersehen und/ oder leicht wegzuklicken sind, werden diese Informationen nicht ankommen und die Qualität des Austausches darunter leiden. Wenn man eine entsprechende Software oder Plattform entwickelt, sollte man sich also Gedanken darüber machen, wie die Rahmensetzung so in den Vordergrund rückt, dass sie nicht zu übersehen ist.


Auf der Civocracy Plattform wird dieser Punkt durch eine vorgeschaltete Infoseite gelöst. Diese steht verpflichtend vor jeder Diskussion. Auf dieser Seite setzt der Host der Debatte den Rahmen, erklärt worum es geht, worum es nicht geht, was mit den Ergebnissen der Diskussion passieren wird und wie der Prozess weitergeht. Bis auf die Information ist die Seite nackt. Keine Widgets, kein Menü, nichts, was die Aufmerksamkeit vom Text ablenken könnte. Natürlich kostet eine solche Methode gegebenenfalls Traffic in der Diskussion. Aber dies wird durch die gesteigerte Diskussions-Qualität mehr als aufgewogen.




Infoseite



Wer noch weiter gehen möchte, kann einen Fragebogen vor eine Diskussion schalten. Auch dies kann eine Debatte positiv beeinflussen. Zum Beispiel wenn die Teilnehmer sich so bereits zu Beginn Gedanken über bestimmte Fragen und Problemstellungen machen.


Überblick behalten


Online-Diskussionen haben das Problem der Ungleichzeitigkeit. Das bedeutet im Gegensatz zu einer Veranstaltung, einer Sprechstunde oder einem Workshop, wurde gegebenenfalls bereits viel zum Thema beigetragen, wenn man selbst den Diskussionsraum betritt. Was passiert, wenn man diese Herausforderung nicht gesondert beachtet, zeigt sich in unzähligen digitalen Diskussionen.


Die User nehmen sich die nicht die Zeit, die Beiträge der anderen User zu lesen. Redundanzen entstehen und eine konstruktive Diskussion wird immer schwieriger. Es wird sich nicht zugehört. Das liegt auch am Plattformdesign. Es ist ein Kampf um die meisten Reaktionen statt um die besten Argumente. Eine gut designte Plattform für BürgerInnenbeteiligung findet Wege, wie es zumindest einfacher wird, einen Überblick darüber zu erhalten, welche Argumente bereits auf dem Tisch liegen, wo man sich also andocken kann,und welche Punkte vielleicht noch fehlen.


Auf der Civocracy Plattform hilft hier das “Idee-Problem-Feature”. Das Prinzip ist, dass die die einzelnen Ideen oder aufgeworfenen Problemstellungen innerhalb eines Beitrags eines Nutzers hervorheben werden können um so den anderen Usern einen Überblick über die zentralen Punkte des Beitrags zu ermöglichen. Damit reicht es für die User, sich nur die hervorgehobenen Ideen und Probleme anzusehen, um auf einen aktuellen Stand zu kommen. Ein weiterer Vorteil: es ermöglicht eine differenzierte Interaktion. Denn die Ideen und Probleme können noch einmal einzeln geliket werden. Entsprechend wird viel klarer, was die User wirklich bewegt und wie die Meinungen verteilt sind.



Idee/ Problem Feature


Selbst mit diesem Schnellüberblick über die Beiträge kann es in einer langen Diskussion mit vielen Teilnehmern schwierig werden, den Überblick zu behalten. Hier kommen die Sortieralgorithmen ins Spiel. In sozialen Netzwerken und leider auch in vielen Partizipationsplattformen steht der Beitrag mit den meisten erzeugten Reaktionen ganz oben. Das mag demokratisch anmuten, ist aber für den Zweck der konstruktiven Diskussion meistens nicht zweckmäßig. Denn Interaktionen auf einen Beitrag gehen zu einem großen Teil auf Emotionen zurück. Das sollte aber nicht die Währung in der Zusammenarbeit sein. Ein konstruktiver Beitrag, der die Diskussion sollte ganz oben stehen - nicht ein süßes Katzenvideo (diese bringen erfahrungsgemäß immer sehr viele Likes und Kommentare). Sortieralgorithmen sollten dies berücksichtigen.


Eine Diskussion auf Partizipationsplattformen ist das Zusammenspiel zwischen der GastgeberIn der Debatte, also der Administration und den Teilnehmern, also den Usern. Die Perspektiven beider Gruppen spielen beim Civocracy Sortieralgorithmus eine Rolle. Denn wer nach die Sortierung nach relevantesten Beiträgen wählt, sieht als erstes einen Beitrag, der von beiden Seiten geschätzt wird.


Die Wertschätzung der Community funktioniert wie gewohnt über Likes für den Beitrag. Aber es kommt noch eine weitere Größe dazu. Die Administration kann Beiträge als objektiv konstruktiv bewerten und entsprechend markieren. Sowohl Likes als auch die Konstruktivbewertung der Verwaltung spielen eine Rolle in der Sortierung. Wer nur das eine ohne das andere erreicht, wird es nicht an die Spitze der relevanten Beiträge schaffen. Natürlich formt eine solche Sortierung auch eine konstruktive Diskussionskultur.



Konstrutiv-Markierung


Dies sind nur zwei der Funktionen auf unserer Plattform, die für eine informierte Diskussion sorgen. Natürlich ist dies nur ein Schlaglicht und es kann auch andere Formen geben. Entscheidend ist aber, dass sich jeder Anbieter von digitaler Partizipation eingehend Gedanken darüber macht, wie man konstruktives Verhalten auf der eigenen Plattform fördert anstatt schlicht die Mechanismen von Social Media zu kopieren. Das ist zwar einfach und schnell gemacht aber führt am Ende zu abnehmender oder unkonstruktiver Diskussion. Denn die großen Plattformen haben andere Ziele, sind auf andere Ergebnisse hin entwickelt.


Wenn Sie mehr über das Thema Plattformdesign erfahren wollen, oder sich gerne die Civocracy Plattform live ansehen möchten, schicken Sie eine Mail an roland@civocracy.org



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