• Roland

Das Märchen der desinteressierten Jugend und wie man es entzaubert



Wenn wir uns an die politischen Bewegungen erinnern, die unsere Gesellschaft besonders geprägt haben, bevor Corona alles dominierte, kommt vor allem eine in den Sinn: die von Schüler*Innen initiierte “Fridays for Future” Bewegung.


Ihr regelmäßiger Klimastreik erhitzte weltweit die Gemüter. Ihre Ideen und die Kraft gaben der gesamten Klimadiskussion einen neuen Schub. Am globalen Klimastreik am 22. September 2019 nahmen mehr als 4 Millionen Menschen an 2.200 Orten in 125 Ländern teil. Alles organisiert von “Fridays for Future”.


Dieser jugendliche Aktivismus hat aber nicht nur den Kampf gegen die Klimakrise befeuert. Er ist auch der Beweis, dass die junge Generation sich einbringen und gehört werden möchte, dass Sie bereit ist, sich für eine Idee zu engagieren und die politischen Entscheidungen beeinflussen will.


Und trotzdem heißt es immer wieder, dass sich Jugendliche nicht für Politik interessieren würden. Und tatsächlich fußt diese Behauptung auch auf Fakten. Es zeigt sich in ganz Europa, dass jüngere Bürger:Innen sich immer weniger in Parteien engagieren oder an Wahlen teilnehmen. Auch das Vertrauen gegenüber den Regierungen ist unter Jugendlichen besonders niedrig. (UNICEF).


Scheinbar besteht der Gegensatz zwischen der angeblich politikverdrossenen Jugend und dem leidenschaftlichen, globalen Aktivismus junger Menschen, die wir nicht nur rund um die Klimakrise sehen, sondern auch in Bewegungen wie “Black Lives Matter” oder den Protesten gegen Regulierungen im Internet.


Tatsächlich sind beide Phänomene kein Gegensatz. Es zeigt eine neue Form des politischen Engagements. Die jungen Menschen bringen sich nicht mehr über die traditionellen Wege ein. Sie suchen stattdessen nach alternativen Formen, um ihren Meinungen und Ideen Gehör zu verschaffen. Wir bei Civocracy glauben, dass es möglich ist, Jugendliche in Mitbestimmungsprozesse einzubinden, wenn man dieser neuen Art des Engagements Rechnung trägt.


Das Märchen der desinteressierten Jugend.


Schon seit Jahren wird immer wieder auf eine beunruhigende Entwicklung hingewiesen: junge Menschen beteiligen sich immer weniger an der Politik. In ganz Europa sind immer weniger Jugendliche Mitglieder einer politischen Partei und auch die Wahlbeteiligung ist unterdurchschnittlich. Dies wird häufig mit mangelndem Interesse und mehr Egoismus erklärt. Junge Menschen, so heißt es dann, fühlten sich von politischen Prozessen ausgeschlossen und engagieren sich politisch entsprechend auch nicht mehr.


Das ist eine riesige Herausforderung für die Demokratie. Denn wenn sich eine komplette Altersgruppe aus dem demokratischen Prozess verabschiedet, geht die Balance zwischen den Gruppen verloren. Wenn man diesen Trend noch mit Entwicklungen wie genereller Politikverdrossenheit, Populismus und diverser Angriffe auf demokratische Werte und Institutionen verbindet, sieht die Zukunft düster aus.


Der Eindruck der politisch desinteressierten Jugend ist aber nicht korrekt. Denn während traditionelle Formen der Mitgestaltung wie Parteizugehörigkeit oder Teilnahme an Wahlen an Attraktivität verlieren, wäre es ungerecht, die jungen Menschen als uninteressiert an politischer Mitbestimmung zu charakterisieren.


Wenn man sich die verschiedenen Demonstrationen, Aktionen und Schulstreiks ansieht, sieht es eher so aus, als wären wir Zeugen einer neuen Form der politischen Teilhabe.

Jugendliche haben sich nicht von der Politik verabschiedet - sie suchen nach ihren eigenen Wegen, sich politisch auszudrücken und einzubringen.





Eine EU-Studie hat vor eingen Jahren ergeben, dass “junge Menschen Präferenzen und Interessen artikulieren , und einige von ihnen sind sogar aktiver sind als die Mehrheit der Erwachsenen. Darüber hinaus fordert eine klare Mehrheit der jungen Menschen mehr - nicht weniger - Mitsprachemöglichkeiten bei der Gestaltung des politischen Systems. (EACEA, 2013a Youth Participation in Democratic Life.Brussels: EACEA. p. 6).


Die Regierungen müssen diesen Wandel ernst nehmen. Jugendliche aktiv in Beteiligungsprojekte einzubinden, ist genau die notwendige Art von Veränderung


Gründe für die Beteiligung von Jugendlichen.


Wenn unser demokratisches System Bestand haben soll, müssen wir Wege und Formate finden, in denen junge Menschen ihre Meinung äußern und politische Entscheidungen beeinflussen können und wollen.


Schon in jungen Jahren politisch engagiert zu sein, hilft bei der Entwicklung zu aktiven und reflektierten Bürger:Innen. Wer sich regelmäßig politisch engagiert, entwickelt mit der Zeit ein tiefes Verständnis des politischen Systems, seiner Werte und Funktionsweisen.


Gleichzeitig stärkt die Erfahrung, dass die eigene Beteiligung echten Einfluss haben kann, den Glauben und das Vertrauen in den demokratischen Prozess.


Ein solches demokratisches Selbstverständnis bei jungen Menschen zu fördern, ist heute wichtiger denn je. Wir leben in einer Zeit von populistischen Angriffen auf demokratische Werte und Prinzipien, politischem Zynismus und einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft.


Wir müssen der nächsten Generation helfen, zu politisch engagierten Bürgern heranzuwachsen. Es gibt keinen besseren Weg, antidemokratisches Denken und Handeln zu verhindern, als jungen Menschen zu helfen, sich mit dem politischen System verbunden zu fühlen.


Und die vergangenen Jahre haben deutlich gezeigt, dass junge Menschen, wertvolle Beiträge zu aktuellen Debatten leisten können. Der politische Diskurs profitiert massiv von der Einbeziehung eines breiten Spektrums an Perspektiven und Erfahrungen. Gerade die Perspektive der jüngeren Bevölkerungsschichten liefert häufig frische Ideen und dringend benötigte Impulse für politisches Handeln.


Die Fridays for Future haben gezeigt, dass wir bei der Bewältigung aktueller Herausforderungen auf den Input junger Bürger angewiesen sind.


Digitale Beteiligungsplattformen als Mittel für das Engagement von Jugendlichen.


Um jüngere Bevölkerungsgruppen erfolgreich in politische Prozesse einzubinden, müssen wir Werkzeuge und Methoden finden, die sie ansprechen. Wenn man Jugendliche bittet, regelmäßig an Bürgerversammlungen teilzunehmen, stößt das wahrscheinlich auf mehr Widerstand als eine digitale Form der Beteiligung, die ihre alltägliche Kommunikation widerspiegelt.


Eine digitale Beteiligungsplattform bietet daher einen idealen Rahmen für politisches Jugendengagement.


Wenn eine Regierung schon eine Online-Plattform für die Bürgerbeteiligung nutzt, könnte zum Beispiel ein spezieller Bereich hinzugefügt werden, der sich ausschließlich an jüngere Bevölkerungsgruppen richtet. Dieser kann speziell auf deren Bedürfnisse und Interessen indem er ihnen ermöglicht, ihr Feedback und ihre Ideen zu Themen, die ihnen am Herzen liegen, einzubringen und untereinander zu diskutieren.


Vom lokalen Sportverein über die Schule bis hin zu angesagten Treffpunkten in der Stadt kann hier alles zur Diskussion gestellt werden. Auf diese Weise werden wertvolle Erkenntnisse gesammelt und die Jugendlichen aktiv einbezogen.


Auch die Themen, über die diskutiert werden soll, können von den Teilnehmern selbst gewählt werden. Auf der Plattform von Civocracy gibt es beispielsweise das Ideenmodul, dass mit dem Konsultationsmodul für Diskussionen gekoppelt werden kann. So können Vorschläge und Ideen gesammelt und sobald sie eine bestimmte Anzahl an Unterstützern erreicht haben, als Diskussionen eröffnet werden,.


Gleichzeitig sollten junge Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit erhalten, sich neben den älteren Bevölkerungsgruppen einzubringen. Die politische Partizipation junger Menschen sollte nicht getrennt von der Allgemeinheit behandelt werden. Stattdessen sollte ihre einzigartige Perspektive aktiv gesucht und bei der Beratung von Entscheidungen durch Bürgerbeteiligung berücksichtigt werden.


Als die Stadt Lyon ihre Bürger dazu einlud, per Crowd-Sourcing einen Plan für die Neugestaltung eines öffentlichen Platzes im Jahr 2018 zu erstellen, wurde beispielsweise der Input von Kindern und Jugendlichen aktiv gefördert. Bei der Pressekonferenz zum Projektstart war ein Schülervertreter anwesend, der aktiv dabei half, einen Aufruf zum Handeln für die Schüler zu entwerfen. Außerdem half ein lokaler Architekt dabei, die Ideen der Kinder und Jugendlichen in architektonische Entwürfe umzusetzen.


Und als die Stadt Straßburg 2018 ihre Bildungspolitik überarbeitete, schloss die digitale Beratung auf der Civocracy Plattform neben Eltern und Lehrern auch Schüler ein. Die für die jeweilige Gruppe verwendeten Methoden wurden entsprechend angepasst.


Die Civocracy-Plattform ermöglicht es, dass Interessenvertreter zu Konsultationen hinzugefügt werden können und deren Beiträge visuell hervorgehoben werden. Auf diese Weise wird garantiert, dass die Diskussion durch die besondere Expertise oder das Wissen bestimmter Personen und/oder Gruppen bereichert wird und gleichzeitig für alle UserInnen klar ist, welche Interessengruppen an der Diskussion teilnehmen. Für Konsultationen rund um das Thema Klima, zum Beispiel, könnte so der Input von jungen Klima-AktivistInnen bewusst einbezogen werden.


Unsere Welt befindet sich eindeutig in einer Zeit bedeutender Umwälzungen und Veränderungen. Dies zeigt sich an verschiedenen Stellen, nicht zuletzt an den gestiegenen Herausforderungen an unser politisches System.


Um demokratische Prinzipien zu wahren und als Gesellschaft stark zu bleiben, müssen wir die Bedürfnisse und Sorgen der nächsten Generation ernst nehmen. Anstatt junge Menschen als politisch uninteressiert abzuschreiben, müssen wir uns aktiv darum bemühen, sie in politische Partizipationsprozesse einzubinden.


Und angesichts ihrer Erfolgsbilanz beim politischen Engagement in den letzten Jahren, ist davon auszugehen, dass unser Diskurs davon erheblich profitieren würde.