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Bürger:Innenbeteiligung aktiviert nur Kritiker? Öffentliche Projekte brauchen Engagementalität

Für eine lebendige, breite Beteiligungskultur mit allen positiven Effekten braucht es “Engagementalität” unter den Bürger:Innen - die Lust am sich einbringen. Verwaltungen und Regierungen können daran arbeiten, diese zu kreieren. Dazu müssen die Beteiligungsformate leichter und spielerischer werden und die Kommunikation sowohl umfassender als auch konsistenter.


Es ist das Paradox der Beteiligung. Fast jeder will es, aber kaum jemand macht es.


In der Theorie wollen fast alle Bürger:Innen stärker beteiligt werden. Und tatsächlich kommt die Politik dem in den letzten Jahren auch entgegen. Es wird mehr Bürger:Innenbeteiligung versprochen und umgesetzt.






Aber jetzt greift das Paradox. Wenn es losgeht, die Veranstaltungen starten, die Diskussionen eröffnet werden, wieder die gleichen Menschen, die schon immer gekommen sind - klischeehaft gesprochen: der weiße pensionierte Lehrer, der seinem Ärger Luft machen will.


Ganz so schablonenhaft ist die Realität natürlich nicht, aber es steckt ein Körnchen Wahrheit darin. Es gelingt der Bürger:Innenbeteiligung nur selten der Schritt aus der Nische. Und das trotz des generellen Wunsches nach mehr Einbindung auf Seiten der Bürger:Innen.


Das gleiche gilt für die Kommunikation rund um das jeweilige Projekt, die das erste Level der Beteiligung ist. Sie kommt nicht an. Sie geht unter in all den Botschaften, die tagtäglich auf die Menschen einprasseln.


Dieses geringe Interesse, sich in den konkreten Projekten einzubringen kann viele Gründe haben. Und natürlich ist es nicht immer die Schuld der Bürger:Innen. Wir alle kennen Beispiele von schlecht gemachter Kommunikation und Beteiligung. Nicht selten wird die Kommunikation nicht von den Bürger:Innen aus gedacht und entsprechend kann sie auch nicht funktionieren.


Wer nur über das Amtsblatt (das kaum jemand liest) und über die eigene Website (auf die die Bürger:Innen nur navigieren, wenn sie ein konkretes Anliegen haben) kommuniziert, muss sich nicht über wenig Resonanz wundern. Auch Social Media Plattformen funktionieren nicht. Sie spielen Updates von offiziellen Seiten mittlerweile benachteiligt aus. Selbst die Abonnenten der Seite sehen die Inhalte nicht mehr. Wenn dazu noch in “Amtsdeutsch” kommuniziert, also aus Paragraphen oder Richtlinien zitiert wird, verliert man auch die hartgesottensten Bürger:Innen.


Und auch die Beteiligungsmaßnahmen können abschreckend sein. Wenn sich die Optionen zum Beispiel auf eine Bürgerversammlung, ausgelegten Plänen oder der Möglichkeit, an Ratssitzungen teilzunehmen besteht, wird sich wohl auch kaum jemand darüber wundern, dass nur ein Bruchteil der Bürger:Innen die Angebote wahrnimmt.


Gleichzeitig ist aber auch ein gut gemachtes Projekt kein Garant für ein hohes Engagement der Bürger:Innen. Selbst wenn die Kommunikation auf vielen Kanälen stattfindet, das Thema gut verpackt wird und sowohl digital als auch offline beteiligt wird, ist das noch lange keine Garantie für eine hohe Zahl an Teilnehmer:Innen.


Denn selbst wenn die Menschen wissen, wo und wann sie sich einbringen können, heißt das noch lange nicht, dass sie dies auch tun. Und das hat mit der Kultur des jeweiligen Gebiets bzw. der Stadt zu tun. Besonders schwer für die Beteiligung zu motivieren sind die Bürger:Innen, für die es das erste Mal wäre.


Engagementalität verändert das Wesen der Bürger:Innenbeteiligung


Was man braucht um ernsthaft mit den Menschen zu kooperieren, ist “Engagementalität”, also eine Kultur des Einbringens. Es muss ganz normal sein, darüber Bescheid zu wissen, wo man beteiligt wird, wie man sich informiert und wie man mitmachen kann. Die regelmäßige Teilnahme muss zu einer Gewohnheit werden - wie Zähneputzen, Jogging (für manche) oder der (hoffentlich) jährliche Zahnarztbesuch.


Eine Gewohnheit muss man aufbauen und pflegen. Die Engagementalität muss sich entwickeln. Man muss lernen, sich zu informieren, mitzumachen und zu unterstützen. Es ist in unseren Gesellschaften nicht der Standard.


Eine solche Kultur hat eine Riesenwirkung auf die Bürger:Innenbeteiligung als Ganzes. Denn die Partizipation, wie wir sie heute kennen ist fast immer eine negative. Aus den Städten, mit denen wir sprechen, hören wir immer wieder, dass sich vor allem die Gegner des jeweiligen Projektes beteiligen. Die es verhindern wollen. Ihnen gelingt es, sich zu organisieren und die Beteiligung zu einer Verhinderung zu machen.



Die Neutralen oder Befürworter eines Projektes bleiben in der Tendenz heute eher unsichtbar. Das könnte auch der Grund sein, warum die Bürger:Innenbeteiligung verwaltungsseitig häufig stiefmütterlich behandelt wird.


Wenn es aber eine “Engagementalität” in der Stadt gibt, wenn es normal ist, sich einzubringen, dann werden auch die neutralen und positiven Stimmen lauter. Bürger:Innen werden zu Mitarbeiter:Innen statt zu Gegner:Innen.


Es geht hier nicht darum, kritische Stimmen verstummen zu lassen. Bürger:Innenbeteiligung muss immer inklusiv bleiben. Aber es geht um einen realistischen Blick auf das Meinungsbild unter den Bürger:Innen und eine konstruktive Grundhaltung.


Eine “Engagementalität” kann die Bürger:Innenbeteiligung für alle Beteiligten besser machen.


Engagementalität aufbauen heißt, sich auf die Befürworter zu konzentrieren


Wie kommen wir zu einer “Engagementalität”? Die schlechte Nachricht zuerst: es braucht Willen, Zeit und Konsistenz - egal wie man es angeht. Eine echte Abkürzung existiert nicht.


Es gibt verschiedene Ansätze, wie eine Kultur des Mitmachens aufgebaut werden kann. Aber egal welchen Ansatz man wählt, zentral wird immer sein, die Aufmerksamkeit der Menschen zu gewinnen und sie dann zum Mitmachen zu bewegen.


Die Aufmerksamkeit der Bürger:Innen ist ein umkämpftes Gut. Allein um die 10.000 Werbebotschaften prasseln täglich auf jeden Menschen ein. Hier durchzudringen ist schwierig. Bei der Masse an Informationen muss das Thema und der Nutzen sofort klar werden. Entsprechend muss auch die “Werbung” für Bürger;Innenbeteiligung neue Wege gehen.


Das beginnt damit, dass die Beteiligung nicht mehr ins Zentrum gestellt werden sollte. Denn auch wenn wir es nicht gerne hören - die Bürger:Innen interessieren sich für Projekte, die sie betreffen, nicht die Bürger:Innenbeteiligung als Ganzes. Also muss auch das Projekt ins Zentrum der Kommunikation gestellt werden. Ein “unsere Beteiligungsplattform ist jetzt online - jetzt Projekte entdecken” wird nicht funktionieren.


Auch der Begriff “Projekt” sollte weiter gefasst werden. Der Umbau einer Schule ist ein Nischenprojekt in puncto Aufmerksamkeit. Aber als Teil eines Masterplans nachhaltige Stadt, kann daraus ein massentauglicher Bestseller werden.


So wie die Stadt Coburg, die die “Frei­flächen­gestaltungs­satzung” in den Kontext “Enkeltauglichkeit” setzt und so zeigt, wie man Themen attraktiv verpacken kann. Hier auch wichtig: die Stadt setzt sich ein klares Ziel (enkeltauglich werden), anstatt das immer gleiche “jetzt mitmachen bei” zu nutzen. Denn auch griffige Slogans und eingängige Kernbotschaften sind Teile einer Strategie, um mehr Menschen auf die Beteiligungsprojekte aufmerksam zu machen. Mehr dazu in unserem Blogartikel 4 Hacks für mehr BürgerInnenbeteiligung - Lektionen von Apple, Nike und BMW


Die Aufmerksamkeit der Menschen zu bekommen ist der erste Schritt. Danach geht es darum, dass die Menschen mitmachen und sich einbringen. Das ist für viele ein Riesenschritt. Speziell Menschen, die nicht ohnehin schon sehr engagiert sind, lassen sich durch schwerfällige Formate, die viel Aufwand erfordern leicht abschrecken.


Entsprechend ist es speziell wenn man eine “Engamentalität” erreichen will wichtig, den Menschen einen leichten Einstieg in die Welt der Beteiligung zu ermöglichen. Und das bedeutet - eine Diskussion zum Thema oder ein Fragebogen mit 20 Fragen ist zumindest zu Beginn des Projekts nicht das Mittel der Wahl.


Leichter Zugang heißt, einfache Teilnahme und kurze Teilnahme. Wer gleich zu Beginn mehr als fünf Minuten von den Bürger:Innen fordert, verliert geschätzte 80% der Interessent:Innen. Entsprechend kurzweilig muss es sein. Dazu eignen sich Formate wie eine Abstimmung, ein kurzer(!) Fragebogen oder ein Quiz. Am besten so aufbereitet, dass es nicht mehr als 2 Minuten dauert um teilzunehmen. Auch wenn es den Impuls gibt, den Menschen die Möglichkeit zu geben, bis in die Tiefe zu diskutieren - zum Anfang ist dies fast immer kontraproduktiv.


Das heißt nicht, dass die Beteiligung immer nur oberflächlich sein muss. Natürlich lohnt es sich, an bestimmten Themen in die Tiefe zu gehen. Und hier ist die Deliberation und Diskussion ein wichtiger Faktor. Entsprechend wichtig sind diese Formate. Aber der Schlüssel ist, diese sehr dosiert einzusetzen und unter Einbeziehung der Community. Man könnte zum Beispiel fragen, inwieweit die Menschen Lust haben, sich an einer Diskussion zu einem Thema zu beteiligen, bevor man diese eröffnet.



Discussions are important but not for the start


Aber nicht nur in der Beteiligung sondern auch in der Projekt-Kommunikation gibt es oft noch Luft nach oben. Denn um eine Engagementaliät aufzubauen braucht es Konsistenz. Es muss etwas passieren, damit die Menschen am Ball bleiben. Diese Konsistenz fehlt häufig. Meistens wird ausschließlich über (Teil-)Ergebnisse im Projekt kommuniziert. Mit der Folge, dass Wochen oder sogar Monate ohne Updates aus dem Projekt vergehen können. Für Menschen, die mit der Bürger:Innenbeteiligung bzw. öffentlichen Projekten nicht so vertraut sind, wirkt es so als würde nichts passieren. Sie haken das Projekt für sich intern ab und kommen auch nicht wieder.


Also muss regelmäßig informiert werden. In kurzer Sequenz. Natürlich gibt es nicht immer Ergebnisse. Aber das ist auch nicht immer entscheidend. Stattdessen könnten Geschichten rund um das Thema aufgegriffen werden, auch wenn sie nicht unmittelbar mit dem Projekt zu tun haben - zum Beispiel Fallbeispiele aus anderen Städten oder Hintergrundinformationen zum jeweiligen Thema. Zum Beispiel könnte man in einem Projekt rund um Nachhaltigkeit erklären, was die SDGs sind und auf welches SDG das jeweilige Projekt einzahlt.


Auch kann das Projekt humanisiert werden. Warum nicht die Menschen, die an dem Projekt arbeiten, sowohl innerhalb der Verwaltung als auch außerhalb vorstellen? Zum Beispiel mit einem Kurzinterview? Man könnte auch Bürger:Innen, die sich beteiligen ins Rampenlicht stellen und zu Wort kommen lassen. Und wenn man den Weg der leichten, schnellen Beteiligung wählt, gibt es auch mehr Beteiligungsmaßnahmen, über die man berichten kann - Start, Mitte, Ende und Ergebnisse eines Beteiligungsformats sind eine Nachricht wert.


Natürlich ist diese Art der Kommunikation aufwendig. Sie benötigt Zeit und das ist häufig das knappste Gut in deutschen Amtsstuben. Aber die angesprochenen Formate haben einen großen Vorteil. Viele davon lassen sich vorproduzieren. Die Inhalte müssen nicht ad-hoc erstellt werden, sondern können entweder von der Verwaltung selbst oder sogar von einem Dienstleister schon vor Projektbeginn vorbereitet werden.


Eine weitere Möglichkeit ist es, Partner rund um das Projekt zu Wort kommen zu lassen. Zum Beispiel könnten NGOs, Vereine oder Unternehmen, die mit an dem Projekt arbeiten oder Interesse an dem Projekt haben, Kommunikationsinhalte bereitstellen. So hat man selbst in stressigen Zeiten immer Inhalte, um die Bürger:Innen zu informieren und zu aktivieren.


Engagementalität kommt nicht über Nacht, aber der Effekt greift sofort


Der leichte Zugang und die konsistente Kommunikation sind der Schlüssel zum Aufbau einer Engagementalität. Sicher ist aber auch - bis sich die Kultur einer Stadt ändert, braucht es Zeit. Und man muss dranbleiben. Nichts ist giftiger für einen Kulturwandel als enttäuschte Erwartungen. Entsprechend muss es zu einer Grundhaltung werden, Projekte so aufzubauen, dass modern kommuniziert und leicht und spielerisch eingebunden wird.


Aber es lohnt sich dennoch damit zu beginnen. Erstens, weil das Ziel der Engagementalität ein so lohnendes ist. Denn eine partizipative Gesellschaft hat bewiesene Effekte auf die Bürger:Innen - Zusammenhalt, Wohlbefinden, Verhaltensänderungen und Vertrauen in die Regierung wären hier zu nennen.


Aber es lohnt sich auch deswegen, weil positive Effekte schon in den jeweiligen Projekten spürbar sein werden. Wer die eigenen öffentlichen Projekte aus Sicht der Bürger:Innen plant und Formate entwickelt, die von den Menschen aus gedacht sind, wird eine erhöhte Teilnahmebereitschaft erleben. Und zwar nicht nur von den Gegnern sondern vor allem von Befürwortern und Neutralen. Und das kann für eine fruchtbare Zusammenarbeit nur gut sein.



Wenn Sie mehr über Engamentalität und unseren Ansatz erfahren wollen, oder Ihre Erfahrungen teilen möchten, melden Sie sich bei mir: roland@civocracy.org


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